Das Wunder von Essen nennt Hartwig Fischer sein neues Folkwang Museum. Der Direktor kann es immer noch nicht glauben, dass er jetzt, zwei Jahre nach dem alles verändernden Anruf, hier im fertigen Neubau steht. Am 23. August 2006 war es, das Datum wird er nie vergessen. Da meldete sich Berthold Beitz am Telefon, der Vorsitzende der Krupp-Stiftung. Manche nennen ihn den "letzten Ruhrbaron", weil Beitz Jahrzehnte lang den Krupp-Konzern als Patriarch und Gentleman leitete und Essen prägte wie kaum ein anderer.
Noch heute, mit seinen 96 Jahren, ist er in seinen englischen Maßanzügen der bestangezogene Mann der Stadt.
"Es könnte für Sie von Interesse sein, sich am nächsten Tag in meinem Büro einzufinden", sagte Berthold Beitz. Klar, dass Fischer kam. Und so erfuhr, dass Beitz 55 Millionen Euro aus der Krupp-Stiftung für einen Neubau des maroden Folkwang Museums zur Verfügung stellen werde. Fischer: "Es war die Erfüllung eines Traums."
Nun, nach nur zwei Jahren Bauzeit, steht das Haus da: elegant, zurückhaltend, mit einer bescheidenen Fassade aus recyceltem Glas, die geheimnisvoll grün schimmert. Gebaut hat es David Chipperfield aus London, der Berlin das traumhaft schöne Neue Museum bescherte und nun, hier in Essen, auf einen ähnlichen Erfolg seiner Architektur hoffen darf.
Bevor er anfangen konnte, musste der ungeliebte Vorgängerbau aus den 80er Jahren abgerissen werden. Seinen Neubau sieht Chipperfield deshalb auch als "Kritik am Alten" und als Versuch, nicht nur größer, sondern auch besser zu sein. Sechs Boxen hat er gebaut, raffiniert verknüpft mit Innenhöfen, die schöne Durchblicke zulassen. Das Haus ist nun der Stadt zugewandt, mit einem einladenden Eingangshof, in dem ein edles Restaurant und eine Buchhandlung locken.
Ständig ist das zu sehen, was nach dem Krieg angekauft wurde: ein schönes Wolkenbild von Gerhard Richter, eine geschlitzte Leinwand von Lucio Fontana oder ein Farbfeld von Mark Rothko. Manches davon gibt es auch in anderen Museen, aber ab und zu blitzt auch das Einzigartige, Besondere auf, vor allem wenn einzelnen Künstlern mutig ganze Räume gewidmet werden. Großartig Lothar Baumgartens Vogelprojektionen oder Roni Horns eigenwillige Fotos.
Wunderschön auch die Fotosammlung mit Zirkusporträts von August Sander oder Hans Peter Feldmanns 101 Bilder unterschiedlich alter Menschen - von der acht Wochen alten Felina bis zur hundertjährigen Maria Victoria. Beeindruckend auch die Plakatsammlung mit Prachtstücken vom Jazzfest und der Berlinale.
Dass es das Museum Folkwang überhaupt gibt, ist Karl Ernst Osthaus zu verdanken. Der millionenschwere Enkel eines Schraubenfabrikanten hatte 1902 begonnen, sein Geld in Kunst zu stecken, beraten und unterstützt vom Jugendstil-Architekten Henri van de Velde. Der kannte die wichtigsten Künstler und Kunsthändler und begeisterte Osthaus für die Bilder von Monet, Matisse und van Gogh. Kaum jemand kannte damals diese Künstler in Deutschland. Als Osthaus sie zum ersten Mal in seinem privaten Museum in Hagen zeigte, war das eine Sensation - und ein Ärgernis für alle Rückwärtsgewandten. 1922, nach Osthaus' Tod, kaufte die Stadt Essen die grandiose Sammlung: Es war die Geburtsstunde des Folkwang Museums.
1933, mit Hitlers Machtübernahme, fand alles ein Ende. Die so bewunderten Bilder galten plötzlich als entartet, 1400 wurden ausgesondert und in alle Welt verkauft. Ein Desaster. Nur wenige kamen später wieder zurück nach Essen.
Dass das Folkwang sich nach dem Krieg trotzdem wieder zu einem wichtigen Museum entwickeln konnte, ist schon ein kleines Wunder. Und dass es nun, mit Chipperfields Neubau und Herwig Fischers Ausstellungsprogramm, wieder zur internationalen Spitze aufrücken wird, darauf hoffen alle.
Man schlendert durch die pavillonartigen Räume, vorbei an schönen Innenhöfen, in denen der Schnee auf den frisch gepflanzten Bäumchen liegt, immer auf edlem Terrazzoboden. Angenehm, dass die Ausstellungsräume auf einer Ebene sind. Es gibt kein Auf und Ab, keine Treppen und Rampen. "Ein Museum darf kein Labyrinth sein, und doch muss man sich auch verlieren können in den Räumen, um allein zu sein mit den Bildern", sagt Chipperfield. Weil er sich für "lebendiges Tageslicht" entschied, verändert sich die Stimmung im Haus je nach Zeit und Wetter. Die Architektur dient der Kunst, will sich nicht in den Vordergrund spielen. Es ist keine Event-Architektur, kein auffälliger, schreiender Bau. "Folkwang bedeutet ja 'Halle des Volkes', und das ist ein glücklicher Name", sagt Chipperfield. "Wir haben das Museum vor allem für die Essener gebaut."
Es war "das schönste Museum der Welt" - bis die Nazis die bedeutende Sammlung zerschlugen: Jetzt sind die Bilder erstmals seit mehr als 70 Jahren wieder im Essener Folkwang Museum zu sehen. Warum gerade dieses Museum? Weil es eine der besten und modernsten Sammlungen der Welt hatte: mit Bildern von Cézanne, Matisse, Monet, Franzosen also, die als Feinde galten. Und mit Werken deutscher Expressionisten wie Kirchner, Nolde, Heckel, die von Nazis als primitiv, undeutsch und "entartet" angesehen wurden.
Als Osthaus sie zum ersten Mal in seinem privaten Museum in Hagen zeigte, war das eine Sensation, auch weil er zusätzlich Werke außereuropäischer Kunst präsentierte. Afrikanische Skulpturen, Schattenspiel-Figuren aus Java, Theatermasken aus Japan, ägyptische, griechische und römische Plastiken stellte er in denselben Räumen aus wie die Bilder der Avantgarde. Das "Maskenstilleben" von Emil Nolde hing da neben echten hölzernen Masken aus Afrika. Paul Gauguins Tahiti-Mädchen strahlten neben eleganten Figuren aus Ozeanien. Goldene Buddhafiguren prangten vor dunkel lila Wänden. Niemals zuvor wurde so deutlich gezeigt, wo die Avantgarde ihre Wurzeln hatte. Völlig unüblich war das damals, unverschämt modern. Ein Wunder und ein Skandal zugleich. Die Künstler waren begeistert. Emil Nolde empfand das Folkwang als "Himmelszeichen". Sein Malerkollege August Macke jubelte: "Wir waren ganz jeck."
Nach Osthaus' Tod kaufte die Stadt Essen die grandiose Sammlung: die Geburtsstunde des Folkwang Museums. "Das schönste Museum der Welt" nannte ein amerikanischer Kunstexperte es im Jahr 1932. Er konnte nicht wissen, dass der grandiosen Sammlung nur noch wenige Jahre bleiben sollten. 1933 übernahm Hitler die Macht und mit ihm sein kruder Kunstgeschmack. Chagall und van Gogh, Cézanne und Gauguin, Kirchner und Nolde galten plötzlich als "entartet", 1937 wurden 1400 Bilder aus dem Museum entfernt und meistbietend verscherbelt. Manche blieben verschollen, wenige konnten nach dem Krieg zurückgekauft werden, viele landeten bei Sammlern oder Museen in den USA.
Um ein Bild zu beschlagnahmen, genügte es schon, wenn "die Bäume allzu blau gemalt" waren oder ein Selbstporträt "Anzeichen der Erkrankung" zeigte. Anfangs hatte Museumsdirektor Martin Gosebruch noch gekämpft für seine Bilder. Aber bald musste er gehen, sein Nachfolger Klaus Graf von Baudissin trat in SS-Uniform den Museumsdienst an und wütete ganz im Sinnen seines obersten Dienstherrn. 1456 Werke wurden 1937 beschlagnahmt.



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