Zahllose kleine Körper umrunden die Sonne. Die Entdeckung von Eis auf einem Asteroiden lässt die strikte Trennung zwischen Asteroiden und Kometen zweifelhaft erscheinen. Astronomiebücher unterscheiden penibel zwischen Asteroiden und Kometen. Erstere kreisen als Miniplaneten um die Sonne, meist zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter. Obwohl die Existenz von hydratisierten Mineralien auf ihrer Oberfläche als Hinweis gewertet wird, dass Asteroiden früher einmal Wasser enthalten haben könnten, gelten sie heute als trocken. Ganz anders die Kometen: Wenn sich diese «schmutzigen Schneebälle» der wärmenden Sonne nähern, stossen sie einen auffälligen Schweif aus Wasserdampf, Gasen und Staub aus. Nun berichten zwei Forschergruppen in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift «Nature» erstmals über eine dünne Reifschicht auf der Oberfläche eines Asteroiden.
Damit verstärken sich Zweifel an der klaren Abgrenzung zwischen den beiden Klassen von Kleinkörpern im Sonnensystem.
Die beiden Autorenteams hatten unabhängig voneinander mit einem Teleskop der Nasa auf Hawaii das Sonnenlicht beobachtet, das der Kleinplanet Themis reflektiert. Dabei entdeckten die Forscher im infraroten Wellenlängenbereich den spektralen Fingerabdruck von Wassereis. Ein solcher Nachweis geschieht durch den Vergleich mit Spektren von im Labor vermessenen Proben bekannter Zusammensetzung. Die beste Übereinstimmung ergab sich mit Proben, die mineralische Staubkörner und Wassereis enthielten. Die Körner sind dabei mit einer äusserst feinen, maximal 0,1 Mikrometer dünnen Eisschicht bedeckt. Weiterhin fanden die Astronomen organische Moleküle im Staub der Themis-Oberfläche. Heute sind weit über hunderttausend Asteroiden katalogisiert. Themis war vor anderthalb Jahrhunderten der 24. Kleinplanet, der den Astronomen ins Netz ging. Vermutlich verhinderte die Schwerkraft des Jupiter, dass die Brocken sich zu einem ausgewachsenen Planeten zusammenfügten. Themis gehört mit knapp 200 Kilometern Durchmesser zu den grössten Exemplaren; er rotiert in etwa acht Stunden um seine Achse. Unter Ausnutzung der Eigendrehung konnten Humberto Campins von der University of Florida in Orlando und seine Kollegen Infrarot-Spektren von vier verschiedenen Punkten der Themis-Oberfläche aufzeichnen. Sie fanden, dass der Frost offenbar nicht nur örtlich zutage tritt, sondern auf der Oberfläche weit verbreitet sein muss. Diese Entdeckung legt nahe, dass Kometen nicht die einzigen Kleinkörper im Sonnensystem sind, die heute noch Wassereis enthalten. Erste Hinweise darauf hatten Astronomen bereits vor einiger Zeit gefunden. Ihnen war aufgefallen, dass einige Asteroiden im Asteroidengürtel einen Schweif besitzen, wie man ihn von Kometen kennt. Da einige dieser kometenartigen Asteroiden ähnliche Umlaufbahnen haben wie Themis, vermuten die Forscher, dass es sich um Fragmente eines einst zerbrochenen Asteroiden handeln könnte. Es stellt sich allerdings die Frage, wie der Raureif auf Themis über Milliarden von Jahren überdauern konnte. Denn bei den Temperaturen im Asteroidengürtel sollte er eigentlich relativ rasch sublimieren. Andrew Rivkin von der Johns Hopkins University in Maryland und Joshua Emery von der University of Tennessee in Knoxville halten es für naheliegend, dass sich einige Meter unter der Oberfläche von Themis Wassereis verbirgt und von dort stetig ausgast. Tatsächlich belegen neue Simulationsrechnungen, dass Eis unter einer schützenden Gesteinsschicht auf Asteroiden sehr lange überdauern kann. Die Forscher vermuten deshalb, dass Wassereis im Asteroidengürtel verbreiteter ist als bisher gedacht.
Der Fund könnte auch bei der Frage nach der Herkunft des irdischen Wassers eine Rolle spielen. Denn die Hypothese, es sei durch Einschläge von Kometen auf die Erde gelangt, gerät zunehmend in Bedrängnis. Weder kann diese Hypothese die unterschiedlichen Isotopenverhältnisse des Wasserstoffs zwischen irdischem Wasser und dem Wassereis auf Kometen erklären, noch ist es plausibel, wie derart viele Kometen den Weg zur Erde gefunden haben sollen, um die Weltmeere zu füllen. Von Asteroiden weiss man hingegen, dass sie die Erde vor einigen Milliarden Jahren relativ häufig heimgesucht haben.



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