Ursprünglich unbewohnt, dann von Holländern entdeckt, von Franzosen besiedelt und von Briten besetzt, weshalb man noch heute auf der linken Spur fährt und am Nachmittag seinen Tee trinkt, war Mauritius über Hunderte von Jahren so etwas wie ein europäischer Außenposten im Indischen Ozean. Doch langfristig prägten Sklaven aus Afrika, Kulis und Handwerker aus Indien sowie Händler aus China das Bild. Mit je eigenen Religionen und Sprachen brachten sie eine kaum überschaubare Vielfalt der Lebensformen auf die kleine Insel, so dass spätestens mit der Unabhängigkeit des Landes von der britischen Krone im Jahr 1968 von der Regenbogennation die Rede war.
Die Hautfarben sind weiß, gelb, braun und schwarz, die Gesichtszüge europäisch, asiatisch und negroid, aber bei den meisten verlieren sich die Spuren ihrer Herkunft in rätselhaft schönen Konterfeis. Neben der Amtssprache Englisch, der Schriftsprache Französisch und der Verkehrssprache Kreol, die jeder Mauritier spricht, gibt es auf der Insel mindestens neun weitere Sprachen und Dialekte, die von großen Teilen der Bevölkerung innerhalb ihrer Familien benutzt werden, Hindi etwa, Urdu, Bhojpuri, Tamil oder Mandarin und Kantonchinesisch. Fast hundert Religionsgruppen will zudem ein Statistiker bei Gelegenheit auf der Insel gezählt haben.
Dass die weit mehr als eine Million Menschen auf dem nur sechzig Kilometer langen und vierzig Kilometer breiten Eiland friedlich miteinander leben, liegt wohl nicht zuletzt an dem geringen Platz. In dem Land, das zu den am dichtesten besiedelten der Welt gehört, ist Toleranz pure Notwendigkeit, um zu überleben. Aber es handelt sich um mehr als nur Toleranz, es ist eine wechselseitige Aufgeschlossenheit. Man finde hier, meint Issa Asgarally, ein Gegenbeispiel zu Samuel Huntingtons These vom unausweichlichen Zusammenprall der Kulturen. Es führe ja ganz im Gegenteil gerade deren Durchmischung, ein wechselseitiges Geben und Nehmen zu einer stabilen, lebenswerten Welt.
Die Gesellschaft der Zukunft könne nur durch den Austausch von Erfahrungen und Ansichten entstehen, in Alltäglichkeiten wie Mode und Esskultur ebenso wie in den komplizierten Gedankengebäuden der Wirtschaft und Philosophie. "Schauen Sie Mauritius doch an", sagt er. Fast jeder zweite Mauritier stammt mittlerweile aus einer gemischten Ehe. Issa Asgarally ist Muslim, seine Frau ist Hindu, ihre besten Freunde sind katholische Priester, und ihr Sohn will von Religion nichts wissen. Was nicht schlimm sei, sagt Issa Asgarally. Man müsse eine Ethik jenseits der Religionen finden; man brauche keinen Gott, um Werte zu haben. Wie wichtig aber die Religion im Leben der Mauritier noch ist, ist selbst für den Fremden nicht zu übersehen. Hindutempel, Tamilentempel, Pagoden, neogotische Kirchen und Moscheen stehen dicht an dicht, darunter etliche prächtige Gebäude. Es gibt sogar Wallfahrtsorte.
Zum Beispiel die Chapelle Sainte Croix, eine eher schlichte Grabeskirche, in der Père Laval in einem gläsernen Sarg liegt. Er war 1841 als Missionar nach Mauritius gekommen, kümmerte sich vor allem um die schwarze Bevölkerung und stand den Leprakranken bei. Schon zu Lebzeiten wurde er verehrt, nach seinem Tod am 9. September 1864 soll es an seinem Grab zu Wunderheilungen gekommen sein, weshalb der Ort bis heute von vielen Behinderten besucht wird. Im April 1979 sprach Papst Johannes Paul II. den Gottesmann selig. Seither zählt dessen Todestag zu den Festtagen auf Mauritius. Dann drängen sich Zehntausende von Gläubigen in der Anlage und auf dem riesigen Vorplatz.
Gleich Hunderttausende von Besuchern zählt das seit mehr als hundert Jahren begangene Fest Maha Shivaratree am Grand Bassin, einem kleinen See in einem erloschenen Vulkanschlot, um den herum einige Hindutempel errichtet wurden. Doch auch sonst bringen hier indische Familien den Göttern Blumen, Obst und Geld als Dank für ein gutes Leben oder versehen mit dem Wunsch danach. Wunder geschehen auch hier, wie auf einer Farbfotografie dokumentiert ist: Drei Stunden lang erschien auf einem schwarzen, polierten Stein das Gesicht Shivas, des Zerstörers des Bösen. Nun hat man ihm zu Ehren nahe dem Ufer eine dreiunddreißig Meter hohe Skulptur errichtet - sie zeigt ihn als jungen Mann, den Dreizack in der Hand, eine Schlange um den Hals gelegt und ein weises Lächeln auf den Lippen. Andersgläubige sind willkommen und werden formelhaft eingewiesen in das Universum der neun Planeten und die Welt der hinduistischen Götter. Dann setzt ein Priester dem fremden Besucher mit einem spitzen Holzstab einen Punkt auf die Stirn, dass es weit über die Grenzen dessen schmerzt, was man noch akzeptieren mag, und wünscht ihm Gesundheit und Freude, Wohlstand und Glück.
Die Jummah-Moschee hingegen steht mitten in Port Louis, ganz bewusst dort, wo gearbeitet wird, damit die muslimischen Händler durch den Weg zum Gebet nicht allzu viel Zeit für ihre Geschäfte verlieren. Es ist ein prachtvolles Gebäude, das mit seiner orientalisch verspielten Architektur, den vielen Bögen, Säulen und Minaretten einem kleinen Märchenpalast gleicht. Frauen und Ungläubige dürfen nur den Vorhof betreten, von wo aus man allerdings weit in die Gebetshalle hinein- schauen kann - und wo stets jemand die Besucher freundlich empfängt, um ihnen die Geschichte des um 1850 errichteten Gebäudes zu erzählen oder sie geduldig in die Grundzüge des Islams einzuweisen. So soll es sein, denkt man. Und so denken auch die Mauritier.
Umso größer war das Entsetzen, als es vor gut zehn Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen religiösen Gruppen kam. Zunächst gab es Straßenschlachten zwischen Muslimen und Kreolen, wie sich die offiziell „general population“ genannte, gemischte Bevölkerungsgruppe selbst bezeichnet, später zwischen Hindus und Kreolen. Sechs Menschen kamen ums Leben, und nebenher ging in der Altstadt von Port Louis das chinesische Spielcasino in Flammen auf.
Die Konflikte entluden sich nicht zuletzt bei Fußballspielen, in denen Mannschaften wie die Hindu Cadetts, die Muslim Scouts, Tamil United und die Dodos der franko-mauritischen Bevölkerung aufeinandertrafen. Per Regierungsbeschluss wurden die Vereine aufgelöst, und Fußballmannschaften durften ihre Spieler fortan nicht mehr aus Religionsgruppen rekrutieren, sondern mussten offen sein für alle Jugendlichen eines Orts. Der Fußball auf Mauritius, behaupten die, die schon damals zu den Turnieren gingen, sei seither viel schlechter geworden - und haben dafür auch eine Erklärung: Die Teams hätten sich damals beweisen wollen, wer den besseren Gott habe.
Mauritius bleibt ein fragiles Gebilde, sagt Issa Asgarally und verweist darauf, dass die Schönheit des Regenbogens nur von kurzer Dauer sei. Er traut dem Frieden nicht, und niemand in Mauritius macht daraus einen Hehl, dass es natürlich eine Hierarchie in der Bevölkerung gibt, eine Klassifizierung durch die Hautfarbe von Weiß hinunter zu Schwarz. „Please go light“, sagen Eltern ihren Kindern, die heiraten wollen. „Don't go dark.“ Sie sollen einen Partner suchen, der eine hellere Hautfarbe hat als sie selbst. Außerdem gibt es ein Nord-Süd-Gefälle.
Der Süden ist Gebirge, fast tausend Meter hoch, zerklüftet, mit Dschungeln überwachsen, aber dort, wo die Hänge nicht übertrieben steil sind, gerodet und mit Zuckerrohr bepflanzt. Die Küste ist wild, die Brandung mitunter heftig, weshalb der Tourismus hier erst vor wenigen Jahren Fuß gefasst hat. Eine einzige Stadt gibt es im Süden, der Rest sind Dörfer, die man mit ihrer Einheitsarchitektur aus Hohlblocksteinen trotz der bisweilen bunten Fassaden beim besten Willen nicht malerisch nennen will. Im Zentrum der Insel liegen die großen Städte, die nahtlos ineinander übergehen und auf deren Hauptstraßen sich zu jeder Tages- und Nachtzeit der Verkehr staut. Der Norden ist bretteben, ebenfalls von Zuckerrohrfeldern überzogen, hat aber das schönste Wetter der Insel und bietet mit seinen Stränden, Promenaden und Yachthäfen, Geschäften, Bars und Restaurants als einziger Teil von Mauritius eine attraktive Lebenswelt.
Nicht zufällig heißt eine der Ortschaften dort Goodland. An ihren Rändern lassen sich momentan viele von jenen Mauritiern nieder, die im Ausland zu Geld gekommen sind und den Lebensabend daheim verbringen wollen. Überall entstehen Villen. Wie sie sich einrichten sollen, zeigt ihnen der Verleger Jean-Claude de L'Estrac im jüngsten Heft seines mittlerweile zehn Illustrierten und Tageszeitungen umfassenden Portfolios - dem Magazin „La Case“. Es ist ein Schöner-Wohnen-Heft, in dem von Seite zu Seite die Ästhetik wechselt, hier ornamental indisch, dort bonbonbunt karibisch, da wiederum verschnörkelter Kolonialstil oder eine Einrichtung so cool wie eine Lounge in Berlin. Wie sie sich kleiden und schminken sollen, erfahren die Mauritier in seinem Magazin „essentielle“, das selbst von Musliminnen gekauft wird, wie Jean-Claude de L'Estrac nicht ohne Stolz hervorhebt. „Es gibt viel Geld hier“, sagt er auf der Pool-Terrasse seines Hauses am Rande von Goodland - auch jenseits der nur etwa zwanzig französischen Familien, die seit Generationen ein Vermögen mit dem Ertrag ihrer Zuckerrohrfelder machen.
Jean-Claude de L'Estrac begreift sich als frankophon, obwohl nur sein Großvater väterlicherseits Franzose war, die Großmutter kam aus Indien. Die Familie der Mutter stammt aus Madagaskar, und seine Frau, die den Besucher in fließendem Deutsch begrüßt, ist Chinesin. „Unsere Kinder“, sagt er, „sind Kinder der Welt.“
Als Jean-Claude de L'Estrac in den achtziger und neunziger Jahren Minister für Auswärtige Beziehungen, Tourismus und Emigration war, hatte er vor allem eine Aufgabe: Länder wie Frankreich, Australien und Südafrika dafür zu gewinnen, Gastarbeiter aus Mauritius aufzunehmen. Heute sucht Mauritius im Ausland nach Arbeitskräften. Den wirtschaftlichen Aufschwung in den vergangenen Jahren bezeichnet L'Estrac als das zweite Wunder von Mauritius - neben dem friedlichen Umgang der Menschen untereinander. Nur diese Kultur des Miteinanders aber hat überhaupt die Erfolgsgeschichte ermöglicht.
Erst vor dreißig Jahren wurde die jahrhundertealte Monokultur des Zuckers ergänzt durch Textilwirtschaft, Kleinindustrie und einen Tourismus, dem es gelang die Insel mit hochpreisigen Hotelanlagen als Luxusziel zu vermarkten. Nie ersetzte dabei eine Industrie die andere, sondern es kam zu Diversifizierungen, wie niemand sie auf einer Insel für möglich gehalten hätte, die über keine Rohstoffe verfügt und fernab aller Handelsrouten und Märkte liegt.
Dann kam das Internet, und eine Bevölkerung, in der kein Mensch weniger als drei Sprachen fließend beherrscht, fand sich wieder in den Call Centern und Übersetzungsbüros einer ganzen Stadt: Cyber City, mit indischem Geld und Technologietransfer erst vor wenigen Jahren mitten in ein Zuckerrohrfeld gestellt und nach Entwürfen gestaltet, die einem Science-Fiction-Film entsprungen scheinen. Schon jetzt arbeiten dort fast fünfzehntausend Menschen etwa im Tele-Marketing für bilige Produkte oder in der Beratung bei medizinischen Problemen. Noch stellen sich die jungen Angstellten mittags bei den mobilen Händlern an und kaufen ihnen aus dem Fahrradkorb frische Ananas oder die Teigtaschen Samosa mit scharf gewürztem Fleisch ab, die sie dann auf den Stufen der Hochhäuser essen. Aber auf den Parkplätzen stehen bereits etliche Cabriolets deutscher Herkunft, und auf der Terrasse von „Four Points“ im Zetrum der Cyber Stadt trifft sich am Freitagnachmittag die Jeunesse doreé zur Happy Hour.
Und jetzt kommt Afrika, der letzte Wachstumsmarkt, jedoch ein unsicheres Stück Welt, weshalb große Unternehmen nur allzu gern das stabile Mauritius als Eingangstor zu dem Kontinent benutzen. Sie profitieren von Steuervorteilen, mit denen ihnen Mauritius entgegenkommt, und von einfachen Zollvorschriften, die Mauritius als Mitglied der afrikanischen Handels- und Entwicklungsabkommen Comesa und SADC genießt. Vor allem aber machen es den Mauritiern ihre bis heute engen Verbindungen zu den Herkunftsländern leicht, sich auf Investoren einzustellen. Einerlei, ob sie aus Frankreich kommen, aus Indien oder aus China, man kennt die Mentalität, spricht die Sprache, und wenn es gewünscht wird, stellt man den Geschäftspartnern auch einen eigenen Stadtteil hin wie jetzt das neue China Town von Port Louis.



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